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Dagmar Travner |
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HemmschuhDie Zeit ist eine Schlange - zunächst unmerklich anschleichend, schlussendlich erbarmungslos zubeiß-End! Für Will kulminierte diese Vorstellung in einem gerne erzählten Kindheits-Traum: Eine Kreuzotter schlängelte sich heran, biss ihn in die Hand. Ein tiefblauer Strich verlief vom Biss - bis zum Herzen. Er verlor jegliche Empfindung für Sein & Zeit, verfing sich in unendlicher Gravitation der Innerlichkeit, von wo aus keinerlei Er-Innerung nach außen dringt... Will Schwarz richtete sich auf, in gebückter Haltung, mit langen, stark behaarten Armen schlenkernd, bog er in einen seitlich gelegenen Teil des Labors ein, hinkte an riesigen Apparaturen mit allerlei Zeigern, Kabeln, Knöpfen, Steckverbindungen vorbei. Er hatte sich von den alten Sachen nicht trennen können, obwohl seine Konzepte digitalisiert auf viel kleinerem Raum in viel weniger Zeit realisierbar waren... Er behämmerte die Tastatur, gab die aktuellen Ergebnisse ein. Die Kulleraugen in dem Affenschädel blicken starr auf den Monitor. Es stimmte. Die Empirie hatte diesmal nicht versagt & die Theorie geradezu an Kühnheit übertroffen. Es gelang ihm, den Lichtstrom zu verlangsamen, indem er die Amplitude der Photonen verschob & damit abbremste. Die postulierte Invarianz der Lorentzschen Transformation musste neu durchgerechnet & unter den Bedingungen der kleinen Teilchen uminterpretiert werden. Michelson & Morley wälzten sich grübelnd in ihren Gräbern, war die Lichtgeschwindigkeit doch nicht eine grundsätzlich absolute Konstante? Nein, denn unter elektromagnetischen Extrembedingungen wirkte sich der Prozess auf die Position der Elektronen-Positronen-Paare aus, die wiederum... Licht & Geschwindigkeit, Bewegung & Freier Fall... Gravitation bis hin zur Lichtlosigkeit. Durch Zufall hatte Schwarz eine Formel gefunden, in der die Zeit sich rein rechnerisch verlangsamte. Dann hatte er monatelang in Klausur heimlich getüftelt, bis sich eine Versuchsanordnung ergab, die seine Theorie wenigstens in groben Zügen bestätigen konnte. Das Experiment glückte & nun war der Weg frei für eine im Endeffekt sehr einfache Prozedur, um der Zeit einen Hemmschuh zu verpassen. Durch Photoneneinwirkung kehrte er Teilchen-weise den Zeitvektor um; ein an & für sich bekanntes Phänomen, dass bei der Absorption eines Photons durch ein Elektron ein in der Zeit rückwärts laufendes Positron zu beobachten war. Ihm hingegen war es gelungen, das Wirkungsfeld zu erweitern & diese rückläufige Zeit auf Molekülebene, ja auf eine ganze Aminosäure, einen so genannten Baustein des Lebens, auszudehnen. Natürlich gab es noch jede Menge Arbeit zu leisten & im Prinzip fielen ihm etliche menschenfreundliche medizinische Anwendungen ein, wie DAS Heilmittel gegen Krebs, durch die Verlangsamung des den Tumor begrenzenden Zeitfeldes, oder etwa Aids, durch einen auf die krankheitsauslösenden Moleküle fokussierten Zeit-Lupeneffekt... Doch Will Schwarz sah vorrangig andere Ziele vor Augen... Gelang es ihm, die Physik der Mikroebene mit der gigantischen des Universums, sprich Quanten mit Relativität, sinnvoll zu verknüpfen, konnte die Ausdehnung des Alls aufgehalten werden. & damit die in den alten Schriften viel besungene Apokalypse. & da sah man mal wieder, dass nicht nur der alte Parmenides mit seinem „Seiendes stößt an Seiendes“, unveränderlich in Zeit & Raum, im Grunde alle ihm nachfolgenden Philosophen weit in den Schatten stellte; sondern auch, dass Newton, Planck, Einstein, Dirac, Feynman & dieser Schwätzer Hawking einpacken konnten, angesichts einer Bibel, beziehungsweise eines Paulus von Tarsus, der seit jeher gewusst hatte, dass der Untergang aufzuhalten sei: „Ihr wisst, was jetzt noch das Hemmende ist!“ Nach Goethes „verloziferer Epoche“ & Kafkas Zeit als „stehender Sturm“ nun Will Schwarz, der als Einziger in der Lage war, wieder Licht in die alten Weisheiten zu bringen. Mit der Entdeckung der partiellen Zeitverlangsamung wurde ihm bewusst, wie sehr sich die heutige Zeit durch einen Zentrifugaleffekt beschleunigte. Das Raum-Zeitgefüge begann bedenklich zu knacksen & knirschen. Es gab ja im politischen Räderwerk keinen Bremser mehr. Hemmungslos stand der Weltuntergang kurz bevor: In Lichtgeschwindigkeit: im freien Fall: ins Schwarze Loch - sobald „Velozifer“ die Herrschaft an sich gerissen haben würde. Das wurde schlagartig klar. Alle Voraussagen würden sich erfüllen, der Maelstrom des Untergangs drehte sich immer schneller. & Schwarz wollte der physikalische Aufhalter sein, der notwendige Hemmschuh unserer ins Schleudern geratenen Zeit, bevor die übermächtige Gravitation jegliches Sein, jegliches Licht, ja die Zeit selbst in die unentrinnbare Finsternis stürzen würde. Es war eine Frage der Zeit... Nur genau die war knapp, ein Teufelskreis – Verlangsamung der Zeit, um (un-)endlich mehr Zeit zur Verfügung zu haben – war das nicht ein Widerspruch in sich? Hektisch
präparierte er die Photonen-Hülsen & glitt in die fünfte Möglichkeit.
Eventuell war in jenem String die Zeit etwas verschlungener geflossen,
vielleicht konnte er dort die notwendige Manipulation an unserer
Dimension vornehmen. & mit etwas Glück würde er wieder zurückfinden... „Anerkannter Wissenschaftler verunglückt“, so die Überschrift einer lapidaren Zeitungsnotiz. „Der mehrfach ausgezeichnete Physiker Prof. Wilhelm Schwarz erlag gestern in seinem Laboratorium den Folgen eines mysteriösen Unfalls. Bei der Autopsie wurden punktförmige Hautverletzungen gefunden, ein Schlangenbiss wird jedoch ausgeschlossen. Von besagten Punkten in der linken Hand verlief eine schmale tiefblaue Linie zum Bereich des Herzens; der Körper selbst wirkte, den Angaben zufolge, unnatürlich farblos.“ Die luzi-sphärierte Schlange entfernte sich unbemerkt im Nebel der Erkenntnis.
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(erschienen in Podium Doppelheft 127/128, Thema:
Zeit, |
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