Dagmar Travner

 

Hoppalkraxen

Über Kittelschürzen und andere Pikanterien der Künstlerin Petra Buchegger

 

Welche Vorbilder – weibliche Vorbilder – gelten für Frauen heute? Sind dies unwirkliche Konstrukte wie die Große Mutter beziehungsweise das katholische Marienbild oder sind es schlicht die eigene Mutter und Großmutter? Petra Buchegger versucht mit ihren Arbeiten Antworten auf Fragen nach Sexualität, Identifikation, Lebenshaltung und Orientierung der Frau eben aus der Sicht einer Frau zu geben.

Thematisch sich ergänzende, wenn auch formal unabhängige Zyklen bilden derzeit den Schwerpunkt ihres Werkes: Einmal die „Feinen Unterschiede“, die aus „Kittelschürzen-Objekten“ und „Marktstand-Installationen“, Drahtpüppchen und auch einer Reihe von Buntstiftzeichnungen von typischer, unter den Kittelschürzen getragener Unterwäsche bestehen. „Dann hab i dazua die Zeichnungen gmacht, von der flatternden Unterwäsche, was die Frauen unter den Kittelschürzen tragen und dies d' beim Kirtag bei die Marktstandln kriagst. Im Steirischen sagst zua diese opulenten Büstenhalter: „Hoppalkraxn“ – und das passt a irgendwie zu diesem Schürzenthema.“ Ergänzend zu den Zeichnungen entwickelt Buchegger Schneiderpuppen aus Karton nach einer Vorlage aus den 50er Jahren: „I versuch denen a immer bestimmte Körperstellungen zu geben, so als ob frau grad eben weg is, so dass des auch a bissl spürbar is, dass des a getragn worden is, dass da a Geschichte dahinter steckt.“ Aber auch Dessous aus Vorhangspitzen bekleiden diese acrylbemalten Büsten „Eine unter anderen“, die in diesem Fall mit Wachs überzogen werden. Darüber hinaus komplettiert eine Dia-Serie „Projizierte Frauenbilder“ die Auseinandersetzung mit dem Thema des Frauenbildes und Frauenvorbildes. In diesen Arbeiten ist Buchegger selbst - geradezu exhibitionistisch - in Kittelschürze und beispielsweise einem Staubwedel in der Hand vor übergroßen Projektionen von diversen idealisierten Frauenbildern zu sehen: Bräute, Models, Starlets, Pin-up girls, aber auch verschiedenen Modeaccessoires.

Ein anderer Zyklus nennt sich „Pikanterien“, um Sexualität und Geschlechtsakt kreisende Arbeiten auf Vorhangstoff - dessen erste Entwürfe mit Kohlestift fast hart und unerbittlich anmuten: Geradezu pornografische Skizzen der äußeren Geschlechtorgane in unterschiedlichen Naheverhältnissen von Mann und Frau. Die Entwicklung dieser Serie geht von den Kohlestiftskizzen über farbige Zeichnungen zu Linolschnitten und kulminiert schließlich in einer Mischtechnik von Acryl und Ölkreiden auf Papier und Gardinenstoffen. Diese gemalten Varianten wirken durch etwas kitschige Farbgebung und die Struktur der Spitzenvorhänge herzig rokokoartig verspielt – was ihnen die Schärfe nimmt. Spitzen, Rüschen, Pastellfarben, der gerade harte Strich der Zeichnung transformiert in weiche Kreiden, runde Formen, romantische Muster. Zurück bleibt ein lustvolles Spiel der Geschlechter, ein Nahe- und Ferne-Sein, aber auch ein weiblicher Blick auf den männlichen Teil, der reduziert ist auf Schamhaar und Penis und eine verinnerlichte Weiblichkeit, die nicht nur das Außen, sondern auch die inneren Organe wie Eierstöcke und Gebärmutter zeigt: „Aber es geht ma wieder drum, dieses Innere der Frau, des, was eigentlich net diskutiert wird, des was dahinter is, was im Verborgenen liegt.“ Durch die weichen, fröhlichen Farben wird dem erotischen Sujet die Strenge, ja Obzönität genommen. Der Blick auf und durch Gardinen auf einen Geschlechtsakt weckt die Assoziation eines Voyeurismus, der Betrachter, aber auch die Betrachterin werden zu Spannern, wenn auch in diesem Fall das Geschaute eigentlich auf und nicht hinter dem Vorhang liegt.

Doch auch Buchegger, die die ideelle Matrilinearität auf den Punkt bringt, kann sich hier nicht vom Gesetz des Vaters und dem symbolischen Phallus als bedeutungsstiftender Instanz lösen. Der Penis als Werkzeug, als Stilo, als Bedeutungsträger des Aktes in der Begegnung mit Mater(ie) und Innerlichkeit ist stilisiert, schematisch, losgelöst von jeder Körperlichkeit dargestellt. Wohin sie sich auch begibt, (die?) Frau findet allerorts immer schon das phallozentristische, männliche Wort eingeschrieben. Kann sie sich denn überhaupt den Einflüssen unserer patriarchal dominierten Kultur entziehen? Welche (Vor-)Bilder, Richtlinien bleiben ihr da als Individuum beziehungsweise als Künstlerin? Ein Gesetz der Mutter, etwa? Petra Buchegger hat sich dafür entschieden, ihren Blick auf das unbeachtete Gewöhnliche, das für Männer sozusagen nicht nennenswerte Mauerblümchen zu richten. Die eigene Mutter, die eigene Großtante, die uralte Nachbarin, alle Kittelschürzenträgerinnen, mit ihrer Flatterunterwäsche und ihrer unspektakulären Sexualität. Das sind die Frauen, aus denen wir tatsächlich entstanden sind, die Mütter, die uns in (der) Wirklichkeit umgeben – die üblicherweise versteckten, die nicht herzeigbaren Vorbilder. Nicht die makellosen Hochglanzweibchen aus den Illustrierten und auch nicht die perfekten Powerfrauen im Businesslook, die Kinder, Haushalt und Karriere locker unter einen Hut bringen – an diesen, der männlichen Phantasie entsprungenen Idealfiguren, können reale Frauen sich nicht orientieren. Buchegger hat den Mut, sich als moderne, urbane Frau öffentlich mit einer anachronistischen Lebensart der Ahninnen zu identifizieren und selbst in eine Kittelschürze zu schlüpfen und sich zur Schau zu stellen. Durch dieses Schürzensymbol verkörpert sie diesen, von den Töchtern meist tunlichst übersehenden Typ Frau, mitsamt seiner Herkunft und der ihm eigenen Kultur und rückt damit dessen Thematik in den Mittelpunkt des Interesses. Doch seltsamerweise findet durch dieses Schlüpfen in die eigene Vergangenheit eine Entfremdung statt, durch die Identifikation ein sich Abheben, ein Abgrenzen, ja eine Spaltung zwischen dem tradierten Frauenbild, wie sie Mutter und Großmutter verkörpern, und dem Bild der Künstlerin als junger Frau. In diesem langsamen Auseinanderklaffen eines vermeintlich identischen Bildes, diesem stetigen Sich-Aufspreizen der Bedeutungsschere – gleich den nackten geöffneten Schenkeln – liegt die wahre Pikanterie ihrer Bilder. Petra Buchegger selbst bewirkt durch ihre Maskerade eine Verdoppelung des Frauenbildes, die vermeintliche Spiegelung wird zur Verzerrung – und gerade dieses unvermutete Zerrbild bedeutet Kunst.

 

(modifizierte Fassung erschienen in: morgen  10-11/2003)

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