Dagmar Travner

 

Schatten - Risse im Licht

Über die KünstlerInnen der Galerie arcade zum 30jährigen Jubiläum

 

Trop de lumière éblouit
Zu viel Licht blendet
Pascal, Pensées

Am Beginn der bildenden Kunst steht eine von Plinius überlieferte Geschichte: Den sich im Licht einer Lampe auf der Wand abzeichnenden Schatten ihres schlafenden Geliebten, zog die Tochter des Töpfers Butades detailgetreu nach. Als jener in einer Schlacht fiel, verlieh dieser dem Schattenriss einen Tonkörper – so war die erste Skulptur aus dem ε̉ίδωλον, Traum, Schattenbild, Bildnis geboren. Aus der Wand tritt eine Gestalt heraus – den Schatten hat die Künstlerin in schnellen Strichen skizziert. Kann ein Bild, ein Abbild jemals die Gestalt festhalten, einfangen? Das Objekt verschwindet hinter dem Abbild, erreicht nie gänzlich den Gegenstand des künstlerischen Begehrens. So bleibt das Bild auf immer schattenhaft hingeworfen, bleibt gemessen an dem Urbild unvollkommen. Und das Schattenwesen existiert nur schemenhaft, gefangen in der Unterwelt.

Schattenwelten

Regina Hadraba

Ihr eigenes Schattenbild strichliert Regina Hadraba aus der vor ihr stehenden Wand, dem Corner, heraus: Hochaufgerichtet malend. Indes kauert auf der Rückseite des beidseitig bemalten Werkes eine Gestalt – unentfaltet, unentwickelt, in embryonaler Stellung. In Platons Höhlengleichnis versinnbildlicht der Schatten das von uns wahrgenommene Abbild von nicht erkennbaren Urbildern oder Ideen. Wie mögen diese aussehen, wenn wir nur ihrer Schatten gewahr werden und sie festzuhalten suchen in unseren mangelhaften Bildern? Und selbst wenn es uns gelingt, uns aus den Fesseln zu befreien und von der Schattenwand abzuwenden und hinauszublicken, über den Feuerschein hinweg, aus der Höhle hinaus, der Sonne entgegen, werden wir zunächst nichts weiter wahrnehmen als diffuse Schemen im strahlenden Licht. Das gleißende Licht schafft auf den ersten Blick keine neue Erkenntnis, ganz im Gegenteil: Es blendet. Man sieht zunächst weniger als in den Schattenrissen wahrzunehmen gewesen war. Langsames schrittweises neues Sehen-Lernen – kann man jemals wieder zurück? Wiederum vom Schattenriss auf das Urbild schließen? Das wahrgenommene Bild ist nur ein Schatten. Die Problematik zwischen Urbild und Abbild nimmt Karl Grabner in seinem Werk auf. Bildsequenzen greifen aus dem Chaos des unfertigen Strichs Farben, Flächen, Schatten heraus, suchen nach dem Urbild, um der Idee Gestalt zu verleihen. Andrea Schnell überzeichnet die Idee eines anderen Künstlers, das Bild einer Skulptur von Rodin, und lässt die Betrachtenden die daraus resultierende Erkenntnis im überlagernden Strich, im verbergenden Schatten suchen.

Heute noch, gerade noch, an diesem Übergang zu virtuellen Welten, ist Platons Höhlengleichnis übertragbar in unsere Wohnräume; wir blicken durch Fenster hinaus in die Welt, durch die der Lichtschein zu uns hereindringt, auf das Mobiliar fällt. Manchmal spiegeln wir uns in Scheiben, das Licht wird in Spiegeln verstärkt, Gestalten und Gegenstände werfen sonderbare Schatten. Der Blick wird für den Betrachter subjektiviert durch seltsame Reflexe, durch leuchtende Rosetten, durch Lichtbrechungen. Aus dem Gemälde – in Lacans Perspektive des Lichts bestehend aus Blicken und Flecken – sieht mich das Licht durchflutete Aquarium (oder Lacans sprichwörtliche Sardinenbüchse) an, es sieht den Maler an, wie er sein Bild malt, sieht die Betrachtenden aus dem Bild heraus an: „Ça me regarde.“ Es (be)trifft mich. Das Licht, eine Reflexion kommt auf mich zu und hinterlässt einen ersten Eindruck auf der Netzhaut und zahlreiche Nachbilder in den Gedanken. Richard Jurtitsch schafft Bilder mit unzähligen Spiegelungen, rosettenartigen Schattenbildern als Brechung der einfachen Betrachtungsebene. Eine weitere Subjektivierung des Gezeigten entsteht durch Hindernisse, die den Blick verstellen: Gläser, Schatten, Zäune, kindlich vor die Augen (der Kamera) gehaltene Hände; das Sonnenlicht, die Welt draußen dringt nur mehr partiell in unser Bewusstsein. Werde ich noch gesehen, wenn ich mir so die Hände vors Gesicht halte? Werde ich vielleicht einmal durch die Finger schauen? Oder irgendwelchen Schatten nachjagen? „Zu viel Licht blendet“ (Pascal) beim Verlassen der Höhle, erst durch Abschattung werden erste Schemen wahrnehmbar. Flora Zimmeter spielt Einschauen in ihrer Fotoserie. Verschattete Sicht des Objektivs auf Sonnen überflutete Objekte, was den Blick durch die Kamera verdeutlicht und Subjektivität in diesem doch so „objektiv“ anmutenden Medium erzeugt. Faszinierend bleibt die Illusion, die ein an die Wand geworfener Schatten vermitteln kann: Nichts kann so sehr manipuliert werden wie ein Schattenbild. Wie sieht der Gegenstand eigentlich aus, der den Schatten wirft? Ein Gegenstand kann verschiedene Schatten werfen, aber können auch verschieden geformte Gegenstände gleiche Schatten werfen?

Schattenlicht

Kerstin Cmelka

Kleine Hände werden zu gefährlichen Krokodilen und ängstlichen Hasen. Kann man den eigenen Schatten fangen, kann man ihn verlieren, wie kann man ihn verdoppeln? Wenn die Kinder mit ihren Schatten spielen. Sie hüpfen und greifen, sie formen und schirmen. Schattenfangen. Etwas Neues gestalten durch Fingerspiele, Schattenspiele, Schattentheater. Bewegte Scherenschnitte auf einem bewegten Vorhang. Wiederum Urbilder – des Theaters. Kerstin Cmelka belebt die alte Kunst des Schattenspieltheaters mit statischen Fotografien in altem Rahmen.

Seiner Schattenseite, der Polarität von Hell-Dunkel, Tag-Nacht, Gut-Böse kann der Mensch nicht entrinnen, wie eine chinesische Geschichte von Tschuang-tse anschaulich erzählt: Der Mann, der seinem Schatten entkommen wollte, lief und lief und fand dabei den Tod. Aber warum hatte er nicht ein einziges Mal angehalten, sich nicht für einen Augenblick zum Atemholen unter einen Baum gesetzt? So hätte ihn doch der mächtige Schatten des Baumes vom eigenen befreit! „Ich bin der Schatten meiner selbst“, meint Robert Svoboda; das Kind im Künstler zeigt sich in seinem Schatten oder umgekehrt. Spiel mit der Divergenz zwischen Gegenstand und Schattenbild. Der geworfene Schatten ist nicht identisch mit dem im Licht stehenden Gegenstand das strahlende Kind ist in seinem Schatten erwachsen geworden. Aber hat nicht jeder Gegenstand eine Licht- und eine Schattenseite und welche wirft eigentlich den Schatten? „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten“, lässt Goethe seinen Götz sagen. Farbiger Schatten beispielsweise. Wie er in der Farbenlehre veranschaulicht: Ein Gegenstand wirft im nächtlichen Mond-Kerzenlicht zwei Schatten unterschiedlicher Farbe, nämlich einen orangen und einen bläulichen in verschiedenen Richtungen. Aber für den Menschen gilt umgekehrt auch, dass das Licht den Schatten, die Nacht, die Finsternis braucht, um zur Kenntnis genommen zu werden. Wenngleich das Auge nur mit Hilfe des Lichts sehen kann... Und wenn das Licht nun aus Schatten bestünde oder aus dunklen Farbfeldern? Lichtbilder? Ja, wenn das Licht nun aus Bildern bestünde, und diese Projektionen – denn dies wären ja dann buchstäbliche Projektionen – nicht auf weiße Leinwände sondern wiederum auf Menschen fielen?

Die Projektion blickt mich an und ich möchte ihr die Augen zuhalten. Sie darf mich nicht ansehen, sie, mit ihren übergroßen Augen, diese Projektion, die auf mich geworfen wird, darf mich nicht erblicken in meiner Kittelschürze…

Petra Buchegger

Petra Buchegger, von hinten gesehen, versucht mit ihren Zeigefingern die Augen des Models zuzuhalten, und thematisiert damit das Sehen und Gesehen-Werden. Unzählige Blicke sind auf das Subjekt gerichtet; die Welt besteht aus Fremdblicken, Flecken im Bildraum, und jeder ist mit seinem einen Paar Augen ganz allein. Das Bild entsteht durch Abfotografieren der Überlagerung von Diaprojektion und Objekt; Licht und Schattenwurf der Projektion, Licht besteht selbst aus einem Bild – Weiterführung des Höhlengleichnisses. Welche „Wirklichkeit“, welche Erkenntnis steckt hinter diesem vielschichtigen Abbild? Für Brigitte Pamperl findet sich das Bild der heutigen Welt in Strichcodes wieder; in ihrer Arbeit Licht + Barcode = 128 werden die BesucherInnen durch eine Überwachungskamera Bestandteil des Schattenbildes, zu einer Projektion auf einem Strichcode. Das Licht als Metapher für Erkenntnis begegnet uns durch die verletzlich, organisch wirkende Ranke von Elisabeth Weissensteiner. Ein Lichtkörper aus Bütten, der durch seine fein verästelten Strukturen Licht in all seinen Facetten durch Transparenz und Opakheit sichtbar macht. Die Polarität des metaphorischen Hell-Dunkel wird durch ein an der Ranke befestigtes, verrostetes Drahtgeflecht deutlich.

Schattenwurf in mehreren Dimensionen. Babsi Daum stellt ein minimalistisches Werk aus, das aus Wellpappe besteht und aus dem gefärbte, durchsichtige Kunststoffkonfetti herausragen, gerade so hoch, dass winzigste halbkreisförmige Projektionen, Minischattenscheibchen in der Bildebene entstehen können. Helga Cmelka tritt mit einer parallelen Ebene aus der Zweidimensionalität des Bildes heraus – gerade so viel, um ihre mit Nadel und Faden gezeichneten Figuren Schatten werfen zu lassen; Sonnenlicht als Idealbedingung, um die filigranen Schattenstrukturen der bestickten Gaze hervorzuheben. Ein dreidimensionales Schattenspiel hingegen zeigt Brigitte Lang aus der Serie Das Leben ist ein Spiel. Auf einer Stange aufgefädelte Holzstücke, Menschenformen können gedreht werden und erzeugen so bewegte Schatten in unterschiedlichsten Formationen. Die Kreiselbewegung bewirkt dabei stroboskopische Effekte von Licht und Schatten, die zu bewegten Bildern werden; Uranfänge des Films, Trugbilder, ε̉ίδωλα unserer Wahrnehmung.

Schattenfelder

Waltraud Palme

Die scherenschnittartigen Fotoarbeiten von Waltraud Palme bergen per se eine Licht- und Schatten-Polarisierung. Die Fotogramme färben das Licht am Papier schwarz, im Gegensatz dazu hinterlässt der Schatten der abgebildeten Objekte eine helle Silhouette. Kontrastreiche, zum Teil transparente Schattenrisse. Im Medium des Holzschnittes begründet liegt die Auseinandersetzung von Erich Steininger mit Licht und Schatten. Die grafischen Hell-Dunkel-Strukturen werden intensiviert und in reine Schattenfelder aufgelöst. Durch das Übereinanderdrucken von mehreren Platten erzielt er eine „Verschwärzung“ des Bildes: Übermächtig verschlingt der Schatten das Licht, bis in den schwarzen Regionen nur mehr kleinste Lichtstellen sichtbar sind. In diesem Augenblick tritt das nächtliche Motiv in den Hintergrund, während vereinzelte Lichtflecken Gestalt annehmen. Einen anderen Weg beschreitet Georg Lebzelter. In den ersten Radierungen des Zyklus Schlachten mutieren Rinderleiber mit zunehmender Dunkelheit zu einer spröden Hügellandschaft. Es entstehen Täler und Schluchten, Gefälle, Spalten, Einschnitte, Wildbäche. Mit dem Wasser kehrt das Licht über Reflexe, Lichtspiele in die Bilder zurück. Im Gegensatz dazu steht die daraus weiterentwickelte Serie Lichten, in der sich ein Lichthorizont allmählich zu hellen Himmelserscheinungen über einer weiten Wüstenlandschaft verwandelt. „Erde durchragt nur die Welt, … sofern die Wahrheit als der Urstreit von Lichtung und Verbergung geschieht.“ Dieses Zitat Heideggers über das Verbergen und Hervorbringen des Lichts als Metapher für Wahrheit und Erkenntnis könnte durchaus als Bildlegende zu diesen Radierungen gelesen werden. Die Grafikerin Henriette Leinfellner arbeitet an imaginären Landkarten, zeigt in ihren Farbradierungen neue Sichten der Erde. Über die Landschaft legt sich der Schatten einer Wolke. Die Sonne wird abgeschattet. Der Erdschatten ist indessen schneller, holt all die Wolkenschatten ein, verschlingt sie. Wenn die Sonnenfelder im Dunkel der Wolken über das Land rasen, so verändern sich auch die Lichtverhältnisse im Gemälde Landschaft mit Wolke von Lothar Bruckmeier, während in der Wasserlandschaft von Alfred Bachlehner dunkle Fische eine helle Sonnen-Zitrone umringen – oder anbeten? Beschaulich sitzen wir im Schatten einer italienischen Pergola und freuen uns auf frische Sardinen in Zitronensauce. Die Zeit fließt über die Landschaft, schnelle Wolkenschatten ziehen über uns hinweg. Schon werden die Schatten länger. Im Süden wird die Dämmerung rasch zur Nacht. Demgegenüber rotiert in unseren Breiten (Mödling) die Schattengrenze schon wesentlich langsamer – mit 1116 km/h – über die Erde; Gerlinde Thuma nimmt den Schatten der Nacht als Motiv für ihre Diptychen und zeichnet seine Bewegung durch zwei nebeneinander gesetzte Bildhälften. Der Schatten am Horizont der Tag-Nacht-Grenze. Die vertikale Version bildet die Funktion des Schattens in der Zeit ab. Oder es könnte – aus dem All gesehen – der Schatten über die Datumsgrenze laufend betrachtet werden. In raschen Strichen ist der Übergang vom Licht zum Schatten dargestellt. Das metaphorische Bild des Zeitbegriffs in der beredten Sprache von Hell-Dunkel, von Tag-Nacht – von Polarität schlechthin.

 

Gerlinde Thuma


(erschienen im Jubiläumsband des Kunstvereins arcade,
art&print, Brunn am Gebirge, 2004
)