Dagmar Travner

 

Verhaltungen

Katéchontische Gedanken zur Vorstellung des Aufhaltens,
Verschiebens, Erhaltens und Verhinderns

 

Verborgen ist das Antlitz der Sonne, die Korona  bleibt erhalten, wird dadurch erst sichtbar. Die Energie, geschwinde Masse, Teilchen & Wellen, die von ihr ausgehen, wird, werden, aufgehalten: Der Mond stellt sich ihr, der Sonne, in den Weg. Zeitlose Minuten hält die graue Kälte an. Da perlen erste Lichtstrahlen wieder hervor, nur langsam erwärmt sich die verdunkelte Erde. Die Sonne wird immer wieder zum Vorschein kommen, sie läßt sich nicht aufhalten - oder?

Mit diesem Schrieb möchte ich dir einen kurzen Abriß über die Zeit geben, als es Assoziationen gab, die sich in lästigem Flügelschlag ausbreiteten - nach unserem plätschernden Hin&HerGerede, während endloser Fahrten eilten die Gedanken dem Geschehen voraus. Eine absichtslose, jedoch extrem fokussierende Konzentration bahnt den Weg für Nebensächliches, Zukünftiges. Scheinbar ziellose Denkpfeile zischen ständig seitlich weg. Unaufhaltsam, zielstrebig.

„Und die Alte barg [katesceto] in ihren Händen das Antlitz...“[1], „Eine düstere Nacht umhüllte [katec‘] den Himmel...“[2], „es leuchtet‘ am Himmel weder Mond noch Stern, in schwarzen Wolken verborgen [kateiceto].“[3] Neben der Bedeutung „verbergen“  findet sich bei Homer auch noch folgende spannende Anwendung des Verbes katecw: „Also ward Menelaos, wie sehr er eilte, verzögert [katescet‘], um den Freund zu begraben...“[4]

Und bei Platon: "... so hält das dem Führer leicht gehorchende Roß, ..., sich selbst zurück [katecei], den Geliebten nicht anzuspringen, das andere aber ..."[5]

Aber auch pragmata kateconta lassen sich als  obwaltende Umstände zu gewesenen Zeiten finden.

Sich selbst zurückhalten oder sogar sich hinhalten lassen steigert laut Taoismus die Lust: Die Aufschiebung der Lust, Hinhalten bis zum maximalen kulinarischen Höhepunkt, Gipfel der Raffinesse. Blablabla blaffen ist lustvoller als gscheit daherreden. Durch ständiges absichtsloses Blabla zur Wahrheit finden (und noch mehr...[6])

Die Katéchousa mürbt und mürbt, fragt, zerredet, zermürbt, hält auf, bis das Thema - und vielleicht selbst das Anathema - in Trümmern ist, etwas Neues entsteht, völlig Unerwartetes auftaucht; sich Neues zeigt, vorher Unbemerktes, unsichtbar?, und das „Alte" nun nicht mehr wesentlich, überholt erscheinen läßt. Dies ist eine besondere Variante des Zurückhaltens bis... das sich das zuvor angestrebte (Ziel) auflöst, aufhebt...

Kunstgerechtes Aufschieben verhindert den sonst unvermeidlichen Weltuntergang – sosehr auch die alles zerstörende Katastrophe unseren Planeten bedroht.  Die potentielle Katastrophe ist zwar in der Heiligen Schrift über einen raffinierten Code festgeschrieben (Orte, Namen, Daten, Ereignisse): „Ende der Tage“, „atomarer Holocaust“; sie weist aber auch den Umweg: „verspätet“, „werdet ihr es ändern?“, „sie verschoben“. [7]

Der Mathematiker Eli Rips zeigte 1994, was Newton schon vor 300 Jahren vermutete, nämlich daß ein geheimer Code im Bibeltext verborgen lag; allerdings so kompliziert verschlüsselt, daß erst heutige Computersysteme diesen Geheimtext auffinden konnten. Naturgemäß geht es in erster Linie um Voraussagen von Katastrophen, ja sogar drohenden Weltuntergängen. Aber immer wieder kann durch das Aufschieben eines Ereignisses  die ganze Apokalypse vorerst erfolgreich verzögert werden. Dies sei der einzige Weg, vorausgeschriebene Katastrophen zu verhindern.

In diesen  beiden Beispielen, nämlich, der Lust und Wahrheitsfindung und dem Verhindern der Apokalypse - in diesem großen Bogen von der Empfindung des Subjekts zur Gesamtheit des kosmischen Ganzen -, bringt das Zurückhalten ans Ziel, doch zeigen diese beiden Beispiele die gegensätzlichen Fälle des Aufschiebens: in dem einen tritt gerade dadurch der Höhepunkt oder die Wahrheit, also das Begehrte zutage (Entbergen); im anderen tritt die Katastrophe durch das Aufhalten genau nicht ein; das Unerwünschte wird verhindert – ersatzlos gestrichen oder seiner Spitze beraubt; unscheinbar (Verbergen).

Die Zeit ist reif, die berühmte Paulus Stelle[8] zu lesen, die Anlaß gab, zu so vielen Spekulation über Katéchontik[9]. Eine grundlegende Bedeutung ist "Verbergen" und vielleicht sollte auch die Paulusstelle daraufhin gelesen werden: "Ihr wißt auch, was ihn jetzt noch verbirgt, damit er erst zur festgesetzten Zeit offenbar wird. Denn die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muß erst der beseitigt werden, der sie bis jetzt noch verbirgt." Der Sinn wäre so offenkundig: GOtt kann erst eingreifen, wenn die geheime Macht nicht mehr im Verborgenen wirkt. Solange sie allerdings verborgen ist, hält sie auch den Lauf der Dinge auf. Im Grunde eine paradoxe Situation: genau das Verbergen des Widersachers nützt diesem eigentlich,  solange es nicht zum Eklat kommt, werden die obwaltenden Umstände bewahrt – das Böse wirkt im Verborgenen.

 Ist nun die Stellung des Katéchon, sein Katéchieren, begrüßens- oder verdammenswert? Handelt es sich dabei um einen weiteren Stolperstein im Heilsplan, oder um eine Gnade? Vielleicht ist dies die falsch formulierte Frage: denn sie sollte lauten: Was oder gar wen hält das oder gar der Katéchon auf - erst an dieser Stelle wäre eine Wertung sinnvoll. Anders formuliert: Hält das Katéchon die göttliche Wahrheit oder gar den Lauf der Dinge, die Entelechie, auf - schiebt es das jüngste Gericht bis in die „Unendlichkeit“ auf (wenn dieses nicht ohnehin dort drüben angesetzt ist!) - oder schafft der Katéchont eine Zäsur, einen Quasi-Untergang, sodaß die Vorsehung gar nicht eintreffen kann! Ja, inwieweit spielen Determination und Präformation eine Rolle? Sind Ereignisse festgeschrieben  (durch eine höhere Macht) oder eilen unsere Gedanken der Zeit voraus und schaffen in der Zukunft unsere potentielle Gegenwart? Kann das Abspulen dieser in der Zukunft liegenden Potentialität aufgehalten und somit geändert werden? Ist daher die Beschäftigung mit der Katéchontik so en vogue, weil zum Millenium die Endzeit in den Köpfen geistert: Armageddon und Apokalypse, und weniger biblisch gedacht Komet, atomarer Vernichtungsschlag, Supergau und Y2K?

Den klar definierbaren Begriff des Katéchon gibt es nicht, oder. Jedenfalls macht man sich eine Vorstellung davon, denn (!) es gibt das Wort, was immer es  bedeuten mag. Und die Metapher: Katéchon ist Stein: Bewahrer und Schützer. Katéchon ist Berg[10], Bergender, Verbergender. Katéchon ist Schnee - verhaltenes Fließen, verhindernd und erstarrt.

Also ist "das" Katéchon vielleicht die im Verborgenen wirkende Macht, die unter uns weilt, die gegen ihre eigenen, zumindest bewußten Interessen steuert. Ist es der eigene Schatten oder gar ein Unheimliches Element des Unbewußten, das da stumm am Werke ist? Es handelt ja nicht wirk-lich; sondern es legt lahm. Nicht zu Unrecht hat Carl Schmitt[11] die nicht-gestillten Bedürfnisse des Überlebens als Katéchonten dargestellt: Hunger, Durst, Kälte... Verharren im Bibern und Selbstmitleid.

Ist Katéchon so etwas wie ein Hemmschuh? Was tut ein Hemmschuh? Er verlangsamt den Lauf des (Zeit-)Rades zu einer geordneten Bewegung, damit der Vorgang geregelt ablaufen kann.

Katéchon und die Zeit: Kronos - Aion - Kairos

a-letheia

to katéchon               kairos

lethe

Der Aufschub des Augenblicks des Offenbarwerdens GOttes steht der Gefahr gegenüber, die jener birgt, nämlich daß das Aufhalten anhält, bis das Vergessen GOttes eintritt, das wäre der Sieg des A-Nomos .[12]

Kairos, der richtige Augenblick für die Ankunft GOttes, muß so lange aufgeschoben werden, bis die Zeit reif dafür ist, d.h. genügend Menschen bekehrt und in froher Erwartung GOttes. Geschieht die Parousie zu früh, verpufft sie; geschieht sie umgekehrt zu spät, so ist GOtt bereits vergessen - sie bewirkt nichts mehr.

Lineare Heilsgeschichte

a___________________c__________________w

Schöpfung                     Christus                         Parousie

c: Erfüllung der Zeit (Potentialität)

w: Vollendung der Zeit (Realisierung)

c-w: die Strecke zwischen Christus und der Parousie  ist gleich einem gespannten Seil, analog dem Gedanken Erlmanns[13], der den Begriff des Katéchon verbildlichte als Zerdehnung der zeitlichen Perspektive.

Sobald man beginnt, sich mit dem Begriff des Katéchon auseinanderzusetzen, drängt sich eine Frage in den Vordergrund: "Was tut das Katéchon?". Antwort: "Es schiebt auf." Was wird aufgeschoben? Die Zeit. Aber vielleicht schiebt es auch Zeit und Raum vor sich auf, vielleicht erschafft es die Realisation von Raum in Zeit durch den Aufschub. Aufhalten. Bewahren.

Die Zeit ist das Sein, in dem sich das Seiende, die Materie, realisiert. Und durch die Materie entwirft sich erst der Raum. Die Zeit spannt den Raum auf durch ihre Brechung in eine innere und äußere Zeit.

Der Raum ist die Vergegenständlichung von Zeit. Wie Masse und Energie sind auch Raum und Zeit zwei Aspekte ein und derselben Sache. Der Raum ist die Dimensionierung, die Ausdehnung, das Realisat, d.h. die Vergangenheit von Zeit. Die Zeit ist das absolut Bewegte, manifest in reiner, masseloser Energie, im Licht. Dem Futurum der Zeit, der reinen Potentialität, steht das Perfekt des Raums gegenüber.[14]

Aufhalten & Aufschieben gibt es sowohl im räumlichen wie auch zeitlichen Kontext. Wird etwas räumlich aufgeschoben, so kann es sich entfalten oder auffalten – Raum entsteht. Dringt ein Lichtstrahl durch einen Kristall, so bricht er sich, er wird aufgehalten & verschoben, aber dabei spannt er mit seinem Spektum, mit seinen Brechungslinien einen Raum auf.

Eine Katéchontik des Anfangs könnte folgendermaßen gedacht werden. GOtt ist die Zeit, seine Konstante die Lichtgeschwindigkeit. Ihm stellt sich der Abtrünnige in den Weg, die Zeit durchläuft ein Hindernis, die Lichtgeschwindigkeit spaltet sich (so als würde das Licht durch einen Kristall gebrochen) in eine innere und äußere Zeit, die sich zueinander umgekehrt proportional verhalten. Dabei entsteht Materie: die Realisation von Zeit. Die Vergangenheit ist erschaffen und wird in jedem Augenblick der Gegenwart neu erschaffen, wenn nämlich die potentielle Zukunft zu realer Vergangenheit wird. Energie wird zu Materie. Welle wird zu Teilchen. GOtt wird zu Fleisch.

Aber damit ist es für Luzifer nicht genug. Die Licht-Spaltung hat ihn ins schwarze Loch geworfen, doch die Schöpfung ist entstanden und GOtt hält sie für gut. Nun arbeitet der Abtrünnige an einer weiteren Katéchontik, die von Paulus angesprochen wird. Dieser Katéchont stellt sich einer der beiden aufgespaltenen Zeiten in den Weg und beeinflußt damit das Geschehende.

Velozifer hält sie Geschichtszeit auf und beschleunigt somit die innere Zeit; die Ego-zentrische Zeit rast um den eigenen Mittelpunkt, ein Stagnieren des Menschengeschlechts ist die Folge, ein Stillstand gleich einem stehenden Sturm; keine Entwicklung ist mehr möglich. Der Kairos der Parousie träfe die Menschheit zu spät, denn die Zeitspirale würde immer enger, die Zentrifugalkräfte nähmen zu, das System beschleunigte im eigenen Sog immer mehr: ein Maelstrom des Bösen. Der Raum kollabierte zu einem schwarzen Loch, zu verdichteter Masse, aus der es kein Entrinnen mehr gäbe: weder für Licht noch für Materie. Zum potentiellen Zeitpunkt des Kairos gibt es weder Zeit noch Licht. Nur mehr reine dunkle Materie. Das Licht würde im Inneren geschluckt, die Zeit auf sich selbst zurückgeworfen.

Im anderen Fall greift der Gesetzlose in die Zyklische Zeit ein, hält sie auf, die lineare Zeit wird zur Autobahn, die Systemerhaltung funktioniert nicht mehr. Die Materie wird zu Licht und verschwindet in der Zukunft. Der beschleunigt eschatologische Gedanke des Christentums erwartet den Herrn unvorbereitet. Noch zu viele Heiden auf dieser Welt. Wirkungslos verpufft die Parousie. Zwischen Erfüllung und Vollendung haben die inneren Geschehnisse (Erlebnisse wie Predigt, Buße und Umkehr) noch nicht stattgefunden; es hat sich zwar die Menschheit entwickelt, nicht aber der Einzelne (keine egoistische Zeit). GOtt ist aber an der Rettung jeder einzelnen Seele interessiert, aber nicht an der Vereinzelung der Seele, wie im oben beschriebenen furiosen Strudel der inneren Zeit.

Die Apokalypse (zum richtigen Kairos) ist das notwendige Geschehen für das Offenbarwerden GOttes. Ihr Gegensatz ist die Eklipse: das Verschwinden GOttes durch einen nicht-zeitgerechten Kairos (Kairos-kakos hervorgerufen durch einen Kronos furioso oder einen Aion direttissimo).

So weit, so schlecht (Katéchontik pur)


(Erschienen in Tumult, Schriften zur Verkehrswissenschaft, Bd. 25: Katechonten. Den Untergang aufhalten)

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[1] Homer, Odyssee,19. Gesang, Vers 361

[2] s.o. Vers 269

[3] s.o. Vers 145

[4] s.o. Vers 284

[5] Platon, Phaidros, 254a

[6] Jacques Lacan, Encore, S. 124

[7] Michael Drosnin, Der Bibelcode,  u.a. S. 175

[8] Paulus, 2 Thess. II: „Brüder...wir schreiben über die Ankunft des Herrn. ... zuerst muß der Abfall von Gott kommen und der Mensch der Gesetzwidrigkeit erscheinen, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, daß er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt. ... Ihr wißt auch, was ihn jetzt noch zurückhält, damit er erst zur festgesetzten Zeit offenbar wird. Denn die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muß erst der beseitigt werden, der sie bis jetzt noch zurückhält. Dann wird der gesetzwidrige Mensch allen sichtbar werden. Jesus der Herr wird ihn ... durch seine Ankunft und Erscheinung vernichten. Der Gesetzwidrige aber wird, wenn er kommt, die Kraft des Satans haben.“

[9] Wie einst Tertullian, Augustinus, Otto von Freising, Carl Schmitt und in heutigen Tagen u.a. Massimo Cacciari,  Walter Seitter, Dietmar Kamper, Rudolf Burger, Peter Sloterdijk

[10] Karl der Große sitzt im Unterberg; der Berg verbirgt, solang jener nicht erscheint, hält er auf. Vgl. Dazu den Beitrag von Walter Seitter in diesem Heft.

[11] Nur die marianische Art des Glaubens wäre ein Kämpfen und auch Handeln! - Nach Schmitt gibt es drei Formen des Glaubens: a) eschatologisch - auf das Ende hin gerichtet (Der Revoluzzer nimmt die Diretissima), b) katechontisch - ordungsstiftender Umweg (Diesheitsbezogenheit mit transzendezbezogenheit), c) marianisch - alle Existenz muß ständig neu erkämpft und erobert werden (rekonquistatorisch)

[12] Erinnert sei an die Bemerkung von Carl Schmitt im Glossarium: „Hält der gekreuzigte Jude noch stand? Ich halte stand, er nicht.“ Wesentlich konziser dargestellt findet sich dieser Sachverhalt bei Massimo Cacciari  u.a. in Gewalt und Harmonie, s. 116: „... die Ordnung des katéchon ... steht auch in einem Wesenszusammenhang mit dem Prinzip, das sie bekämpfen müßte, denn sie beherbergt es in sich (der filius perditionis ist hostis und hospes des katéchon).“

[13] Erlmann, Heilserwartung im frühen Christentum

[14] Wolfgang Kaempfer, Die Zeit und die Uhren

 

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