Dagmar Travner

Atzbergs Ende
Geschichten von der Teufelsmauer und dem Luftberg in der Wachau

„Eine Seilbahn wollen die Deppen über die Donau bauen? Ist das nicht mehr was für die Berge?“
Elsa Fink war zur Marillenernte in die Wachau gekommen, sie schrieb gerade einen Artikel über Kultur und Kulinarik dieses besonderen Donauabschnittes. Die Marillen, diese süßen orangegelben üppigen Früchte, waren mindestens genauso berühmt wie die kurvige Venus von Willendorf aus der prähistorischen Ausgrabungsstätte ganz in der Nähe. Nun saß Elsa mit einigen Bekannten bei Marillenschnaps und Bretteljause in einem Buschenschank und Marillenheurigen, die Stimmung war gut, das Wetter heiß.

[...]

„Wer war denn das?, fragte Elsa schließlich verwundert in die Runde. Sie kam sich etwas vorlaut vor, in dem bedrückten Schweigen. Plötzlich begannen alle durcheinander zu reden, und es stellte sich heraus, dass niemand den seltsamen alten Mann kannte. Dabei hatte er so heimisch gewirkt und doch stellte sich heraus: Ein ganz und gar fremdes Gesicht. Niemand der hier Ansässigen hatte ihn jemals zuvor gesehen. Elsa war nun doch etwas mulmig zumute.
„Wie war das nun eigentlich mit der Teufelsmauer?“, fragte sie mit belegter Stimme.
„Ach, das ist eine ganz witzige Geschichte,“ begann der Marillenbauer zu erzählen.

[...]

„Nun der Teufel hat es natürlich nicht geschafft. Es fehlte ihm gerade ein Meter, da krähte der verflixte Hahn schon – viel zu früh. Der Teufel hat später Gott vorgeworfen, er hätte dem Hahn vor der Zeit einen einzelnen Sonnenstrahl geschickt, um ihn wachzukitzeln. Aber wie auch immer: Nur wenige Stunden danach setzte ein schweres Gewitter ein und der Starkregen riss die Teufelsmauer mit sich fort – bis auf den kleinen Rest, den man bis vor ein paar Jahren noch am Ufer gegenüber sehen konnte.“
„Und nun ist dieser Rest auch weg“, meine Elsa nachdenklich.

[...]

„Bei Spitz in der Wachau erhebt sich die legendäre Teufelsmauer…“ Diese Sage hatte Franz Atzberg als Kind besonders geliebt, hatte sie sich wieder und wieder von der Großmutter erzählen lassen. Wie war das doch gleich? Den Teufel nervte diese ganze Wallfahrerei in der Wachau... und all die Donauschiffer... Und was hatte eigentlich der Wetterhahn von St. Johann damit zu tun?
Atzberg stand auf einer Anhöhe in Aggsbach-Dorf und blickte grimmig über das Donautal. Da! Nun sprengten sie tatsächlich die Teufelsmauer. Komplett zerbröckelt der Felsen. Na fabelhaft! Bald würden auch die letzten Reste verschwunden sein. Das konnte nicht gut gehen. Etwas würde geschehen, das spürte Atzberg ganz deutlich. Seine linke Augenbraue zitterte. Ein untrügliches Zeichen für Unheil. Nachdenklich stieg er den Luftberg hinunter, ging zu seinem Haus, das in den Berghang am Donau-Ufer gebaut war. Gegenüber sah man den Kirchturm von Aggsbach-Markt.

[...]


(Veröffentlicht u.a. bei einer Lesung auf Sylt, Spökenkieker, im Februar 2015)
Interview von Stephan Hartmann (Syltfunk) zur Lesung
Spökenkieker zum Nachhören hier




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