Dagmar Travner

Die Entfremdung der Zeit, das Schweigen der Zeit



Es ist eine Zeit der Stille, wo die Stimmen in sich selbst sprechen. Lautlos.
Sprich zu mir, du Du, du Ich, du so vieles Ich in mir, sag was du zu sagen hast, und dann schweig - endlich!

Ein neues Blatt im Kalender wird abgerissen, auf den Stapel der vorhergehenden gelegt, und wieder halten wir ein Jahr in Händen. Nun könnten wir die Zeit in kleine Stücke reissen, oder die Zeit, die vergangene, vergessen oder ganz einfach neu ordnen. Alles ordnen, alles neu aufrollen. Wie Spiralen der Zeit, könnten wir stückchenweise abgemessene Abschnitte aneinander legen, und damit Schneckenhäuser bauen.

Sprich mir nicht von der Gegenwart, die gedehnte Unendlichkeit des Augenblicks wird es für uns nicht geben.
Denn die Gegenwart ist nicht für uns bestimmt, unser Ort ist die Abwesenheit, unsere Zeit die erzählende Vergangenheit. Auch diese kann stillstehen, auch diese kann sich dehnen bis in die Unendlichkeit, auch diese kann eine liebende sein – wir sollten uns damit begnügen. Unser Raum wird aufgespannt von Worten, die daraus gewobenen Geschichten schützen uns wie ein Zelt in der Nacht.
Deine Abwesenheit, so gegenwärtig, dass ich sie mit Händen greifen möchte
und die dann doch in meinem ausgestreckten Armen verpufft einer Fata Morgana gleich.

[...]

Hier in Indien hingegen nannten sie die Leute Charlotte, da war das Loch O auch gar nicht mehr sO hörbar. Irgendwie war sie frOh, dass hier niemand ihre Vorgeschichte kannte. Und auch niemand jemals erfahren würde, denn sie hatte, kurz nachdem sie sich hier in den Bergen von Kerala niedergelassen hatte, ein Schweigegelübde abgelegt. das würde noch einige Zeit halten. Mitten in den Teeplantagen wohnte sie nun - geometrisch angelegte grüne Felder über sanfte Hügel gebreitet, so weit das Auge reichte - während in weiter Ferne der Blick von einem Hochgebirge begrenzt wurde.

Lassen wir uns von der Stille bewegen, um unsere Worte wieder zu hören. Die Spirale der Zeit ergreifen, uns drehen lassen, kreisend, wiederkehrend.

[...]

Der Kreis schließt sich, denn aus der Ferne betrachtet beginnen die Zeitspiralen der Künstlerin doch wieder auszusehen wie ihre ersten Locharbeiten. Ihre Versuche, Löcher mit Acrylfarbe zu füllen. Wie ihre frühen Farbexperimente mit Löchern. Und dann sind da eben noch die kleinen Löcher in ihren Arbeiten, die sie zersetzen wie Mottenlöcher, vielleicht auch Maden, kleine Lochwürmer, Wurmlöcher, die der Zeit ihr stetiges Kontinuum rauben und Sprünge verursachen, Zeitsprünge bei Löchern, die überbrückt werden müssen. Luftmaschen, die Luftsprünge machen.

Sie misst die Zeit in ein Meter Schlangen, deren Spur sich von Loch zu Loch spannt - kreisförmig, in einer individuellen Farbe - nur unmerklich unterschieden von der vorherigen und nachfolgenden Zeitspur.

[...]

Fragen über Fragen. Die Einsamkeit, das Leben. Die Kommunikation, das Schweigen, das Wandern, die stille Einkehr und der Stillstand. Das Nomadentum als die Zeitmaschine der Liebe, als der Moment der Anwesenheit: Warmherzigkeit, Tee und Kaffee, das Leben und der Tod. Das ist Indien, das ist die Zeit. Das ist das Leben.

(Dagmar Travner, Neujahrslesung im Atelier Klint am 1. 1. 2012)
Das Video dazu hier



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