Dagmar Travner

Fragmente und Falten


Über Poetik, Skizzen, Kalligraphie und deren Suche nach dem Ausdruck des Unaussprechlichen




Bei Kerzenschein versucht sich die Zeichnerin an dem Schattenriss eines Traumes, auf der Jagd nach dem Abbild, dem Moment, wenn die Gegenwart eine geschenkte Erinnerung wird. Sie hört die Musik der Eingebung; die magische Melodie diktiert ihr Strich für Strich. Ihre Augen folgen gespannt den Linien, die wie von Geisterhand vor ihr entstehen. Geleitet von einem unerklärlichen Verlangen nach einem Mehr, vielleicht einem Augen-Blick einer Begegnung.

spiegel schwarzer nacht
stiller winter stern leuchte
durch blinde fenster


Die Künstlerin erschafft mit diesen Linien ein imaginäres Wesen. Sie sucht ihren Weg in dem Nebel. Es ist eine Gratwanderung, absturzgefährdet. Unbewusst gerichtet, scheinbar ziellos, in absichtsloser Setzung, bringt sie eine einzigartige Gestalt hervor. Das Objekt des Begehrens ist nie ganz erreichbar, es entzieht sich, weicht immer einen Schritt zurück in die Zukunft – und hinterlässt dabei eine gut sichtbare gegenwärtige Spur auf dem Grund.

[...]

Die Silhouette erwacht zum Leben. Im flackernden Kerzenschein erhebt sich die Gestalt aus dem Schatten, küsst die Künstlerin und flüstert ihr ins Ohr: „Oh, du meine Geliebte“. Wer ist diese Kreatur, ihre Kreation? In der Umarmung fühlt die Künstlerin tiefe Narben hinter den Schultern des fremdartigen Wesens. Spuren verlorener Flügel. Vergessene gefallene Lichtgestalt. Geist, den du riefst mit der Anrufung eines Engels, der Beschwörung vermeintlichen Glücks.
Es liegt vielleicht an der Jahreszeit: Der Schnee unter den Füßen, die frische Luft in der Nase, die Brise im Gesicht, die Worte im Kopf. Briefe an einen Unbekannten. Vorausahnung. Ahnendes Schreiben. Seherisches Sehen. Erkunden von selbst erschaffenen Faltengebirgen, verborgenen Tälern, tief liegenden Geheimnissen. Gefahrvolle Klippen im Meer. In der Entfaltung kommen überraschende Untiefen ans Licht.
Die Begegnung ihrer Körper war intensiv, leidenschaftlich und von kurzer Dauer. Ein Strohfeuer. Lichterloh brennend. In seinen Armen lag sie wie in einer schützenden Wiege, ihre Körper verselbständigen sich in der erotischen Umarmung. Er sagte, dass ihre Liebe in Wahrheit keine physische sei, sondern erst die umfassende seelische Verbindung eine solche Ekstase ermöglichte. „Was ist das, die Seele?“ fragte sie. Sie konnte sich nichts darunter vorstellen. „Das, was uns eint, sind unsere Seelen“, antwortete Amor ohne Flügel und schrieb seinen Namen tief in ihre nackte Psyche ein.

[...]

noch schwingen deine
gedanken nach – berühren
haut lippen hauch sanft


[...]


(Erschienen in Regina Hadraba, Katalog 2015, Baden/Perchtoldsdorf)



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