Die Entfremdung der Zeit

Die Entfremdung der Zeit, das Schweigen der Zeit

Es ist eine Zeit der Stille, wo die Stimmen in sich selbst sprechen. Lautlos.
Sprich zu mir, du Du, du Ich, du so vieles Ich in mir, sag was du zu sagen hast, und dann schweig - endlich!

Ein neues Blatt im Kalender wird abgerissen, auf den Stapel der vorhergehenden gelegt, und wieder halten wir ein Jahr in Händen. Nun könnten wir die Zeit in kleine Stücke reissen, oder die Zeit, die vergangene, vergessen oder ganz einfach neu ordnen. Alles ordnen, alles neu aufrollen. Wie Spiralen der Zeit, könnten wir stückchenweise abgemessene Abschnitte aneinander legen, und damit Schneckenhäuser bauen.

Sprich mir nicht von der Gegenwart, die gedehnte Unendlichkeit des Augenblicks wird es für uns nicht geben.
Denn die Gegenwart ist nicht für uns bestimmt, unser Ort ist die Abwesenheit, unsere Zeit die erzählende Vergangenheit. Auch diese kann stillstehen, auch diese kann sich dehnen bis in die Unendlichkeit, auch diese kann eine liebende sein – wir sollten uns damit begnügen. Unser Raum wird aufgespannt von Worten, die daraus gewobenen Geschichten schützen uns wie ein Zelt in der Nacht.
Deine Abwesenheit, so gegenwärtig, dass ich sie mit Händen greifen möchte
und die dann doch in meinem ausgestreckten Armen verpufft einer Fata Morgana gleich.

Der Text bestimmt für eine gegenwärtige Person - in all der scheinbaren Abwesenheit. Gibt es das? Und sind wir noch anwesend in einem Text, der per se und Bestimmung nichts anderes ist als materiell gewordene Abwesenheit. Es ist eine Abwesenheit, die konkrete Spuren hinterlässt.

Stimmen, die murmeln wie das leise Rauschen der schweigsamen See, und anschwellen zu wuchtigen Wellen bei Sturm; Stimmen, die poltern und toben. Da ist eine Ordnung in dem Chor, der nicht sofort erkennbar ist, und doch gehorchen diese unberechenbaren Stimmen diesen eigenen Gesetzen. Und schließlich verstummen im Laufe der Zeit.

Vormals hatte sie mit ihrer Kunst in Acryl, Holz und Materialien aller Art das Phänomen Loch abgehandelt. In der kleinen Stadt, wo sie lebte und ausstellte, war sie einfach als „die Lochkünstlerin“ bekannt. Kaum jemand sprach sie mit Namen an, nur einige ihrer engsten Freunde hatten sie zu der Zeit noch LOtte genannt - mit besonderer Betonung auf dem O allerdings, und mit leichtem Augenzwinkern.

Hier in Indien hingegen nannten sie die Leute Charlotte, da war das Loch O auch gar nicht mehr sO hörbar. Irgendwie war sie frOh, dass hier niemand ihre Vorgeschichte kannte. Und auch niemand jemals erfahren würde, denn sie hatte, kurz nachdem sie sich hier in den Bergen von Kerala niedergelassen hatte, ein Schweigegelübde abgelegt. das würde noch einige Zeit halten. Mitten in den Teeplantagen wohnte sie nun - geometrisch angelegte grüne Felder über sanfte Hügel gebreitet, so weit das Auge reichte - während in weiter Ferne der Blick von einem Hochgebirge begrenzt wurde.

Lassen wir uns von der Stille bewegen, um unsere Worte wieder zu hören. Die Spirale der Zeit ergreifen, uns drehen lassen, kreisend, wiederkehrend.

Es ging um die Zeit, es hatte sich seit jeher um die Zeit gedreht, Zeituhren, Zeitspiralen, bis die Zeit abläuft… aber konnte diese zyklische Zeit überhaupt ablaufen, endete ein Kreis denn jemals? Jemals in der Unendlichkeit? Die abgelaufene Zeit, und der Stress, bevor das Ablaufen passiert, wohl ein Phänomen unserer Zeit.
Gegenwart: Präsenz und Präsent – wenn die geliebte Person im hier und jetzt ist, also da ist, so liegt in dieser präsenten Gegenwärtigkeit ein Geschenk. Die Abwesenheit, jedoch, hat keine eigene Zeit, weder eine faktische noch eine grammatikalische. Die Absenz erzeugt unterschiedlichste Momente kreativer Art – Drehmomente des Erschaffens von Namen, Benennungen, Worten, Sehnsüchten. Keine Worte ohne Abwesenheit – denn die Gegenwart weist hin, es ist ein Dies und Das, ein Hin-deuten und Be-deuten. Ein Her und Hin, ein Hier und Jetzt. Der Gegenwart genügt ein Fingerzeig, eine Berührung, ein Blick, ein kleines Augenzwinkern.

Sollte sie nicht tot sein, die Künstlerin, von der ich dir viele lange Abende erzählt habe? Und hier fand ich sie wieder, im Stillstand der Zeit, im Auge des wirbelnden Zeitsturms, mitten in der Ruhe des sich drehenden Zeitrades. Indien. Befreit und gefangen, in der Endlosigkeit grüner Plantagen. In der Endlosigkeit einer zyklischen Zeit. Der Wiederkehr der Blüte, Frucht und Ernte.

Es waren Zeitspuren, aber auch noch anderes. Dieses andere beunruhigte sie. Es war etwas neben ihr, es war eine Stimme bei ihr, eine ganz andere als sie selbst von sich wahrnahm. War sie etwa völlig neben der spur? Wusste sie noch, was sie tat, was Teile von ihr taten? Hatte sie noch die Kontrolle über sich und ihre Handlungen? War sie noch handlungsfähig, wenn ihr schon die Worte fehlten, wenn sich ihre Worte im inneren Dialog verfehlten und aneinander vorbei redeten?

Schweigegelübde. Sie hatte sich vorgenommen eine ganze Zeit lang zu schweigen. War nach Amritsar gepilgert, zu
ihrem ganz besonderen goldenen Tempel. Hatte sich ins Wasser versenkt, war frisch gebadet und quasi als unbeschriebenes Blatt wieder herausgekommen. Allein, je mehr sie schwieg, desto lauter schrieen die Stimmen in ihr. Zunächst bloß die Stimme eines der Propheten, eigentlich das Gemurmel eines irdischen Stellvertreters. wobei jeder Pilger das Wort, den Satz heraus hörte, der genau ihm oder ihr bestimmt war. Be-stimmung ist, die Stimme zu hören. Und dann, in die Stille hinein, wird das Stimmengewirr lauter, verwirrender, ein wirres Knäuel verschiedenster Stimmen, Spuren, die entwirrt werden müssen, durch die unsagbare Stille. Eine Stille, die ohrenbetäubend sein kann in ihrer stummen Verschlossenheit.

Ja sie misst die Abschnitte ab, die sie kreisförmig auflegt und aneinanderfügt. es ist ein Zeitabschnitte aneinander fügen. Aber es sind diskrete Schritte, dekonstruktive Schnitte in der Zeit. Eine Neukonstruktion der Zeitlinie. Aufgerollt. Entrollt. Entwickelt.

Dort sitzt die Künstlerin also teetrinkend: mitten im Tee, mitten in den Bergen, in einer einsamen Hütte inmitten von endlosen Teeplantagen. Umgeben von sanft geschwungenem Teegrün soweit das Auge reicht. An Zeiträdern arbeitend – vom Sonnentempel inspiriert – in Schattierungen von teegrün, dunkelgrün, hellgrün, smaragdgrün, blaugrün, wiesengrün und hügelgrün! Ob sie beim Aufrollen der Vergangenheit diese auch verarbeiten wird, ihre Wut hinter sich lassen kann oder vielmehr auf Rache sinnt – das konnte ich nicht herausfinden.
Wenn es hier also, in dieser teegrünen Geschichte, um den Kreislauf der Zeit geht, um Anwesenheiten, Wiederkehr und Gesetzmäßigkeit: Dharma, Natursymmetrien, Serielles – worum ging es dann in der ersten Geschichte? Das Verborgene? Das, wonach gebohrt werden muss? Die tiefere Wahrheit? Oder den Ursprung selbst?
Um Löcher, die der Zeit Fallen stellen, die sie ins Bodenlose fallen lassen? Ja, gar verdammen? Sie verschlingen wie Wurmlöcher? Oder vielmehr unseren Zeithorizont sprengen, uns in verschiedenen Zuständen hin und her flackern lassen, bis wir uns vervielfältigen, so wie ein ganzes Spektrum an Farben aus gebrochenem Licht entsteht, multiple Facetten eines Ursprungs, die eigene Wege gehen. Jeder Aspekt ausgestattet mit einer eigenen Stimme und eigener Zeitlinie. Zeiten und Leben, die parallel verlaufen, sich punktweise berühren, dann wieder vervielfältigen, in Vergessenheit geraten. das Gefühl, das bleibt: Ein Parallelleben leben zu führen, hineinkatapultiert zu sein in eine andere Möglichkeitsform, in ein fremde Existenz. Der Eindruck, der Parallelzeit nicht mehr zu entkommen, sein Leben im falschen Film weiterzuführen.

Da heißt es: Abwarten und Tee trinken.
Die Zeit dreht sich weiter. Die kleinen Räder werden zu Spiralen, diese zu Quadraten, welche sich zu einem Muster an Kleinkariertheit fügen. Jede Menge kleiner Quadrate, diese Geometrie als die organische Quadratur des Kreises. Die Wiederholung des ewig Gleichen. Kann man ein Loch in den Zeithorizont reißen, wenn man so ewig gleich dahin tut? Denn die identische Wiederkehr, die gibt es nicht. Kann sich eine Schlinge im Zeitfaden verfangen und dann stillstehen? Ja, reißen, wenn überstrapaziert? Und wenn eine Zeitschleife entsteht und die Zeitlinie beschädigt wird – haben wir eine Zeitlaufmasche? Sinnlos verrinnende Zeit??? Oder bleibt die Zeit dann End-lich stehen? Endlich!

Der Kreis schließt sich, denn aus der Ferne betrachtet beginnen die Zeitspiralen der Künstlerin doch wieder auszusehen wie ihre ersten Locharbeiten. Ihre Versuche, Löcher mit Acrylfarbe zu füllen. Wie ihre frühen Farbexperimente mit Löchern. Und dann sind da eben noch die kleinen Löcher in ihren Arbeiten, die sie zersetzen wie Mottenlöcher, vielleicht auch Maden, kleine Lochwürmer, Wurmlöcher, die der Zeit ihr stetiges Kontinuum rauben und Sprünge verursachen, Zeitsprünge bei Löchern, die überbrückt werden müssen. Luftmaschen, die Luftsprünge machen.

Sie misst die Zeit in ein Meter Schlangen, deren Spur sich von Loch zu Loch spannt - kreisförmig, in einer individuellen Farbe - nur unmerklich unterschieden von der vorherigen und nachfolgenden Zeitspur.

Und dann waren in den Teefeldern diese schrecklichen ganz realen Schlangen. Alles voll, angeblich. Selbst hatte sie erst eine einzige gesehen, und die war ohnehin sofort verschwunden gewesen. Offenbar hatte die Schlange größere Angst vor Charlotte gehabt als umgekehrt. Doch der Geruch dieser Schlangen nach verdorbenen Kartoffeln, bewegungslos mit weit aufgerissenem Maul auf Beute Wartende, dieser offene Schlund der Schlangen, verfolgte sie noch bis in die Träume hinein.

Die fremden Stimmen prasselten auf sie ein wie ein Hagelgewitter. Die Schlangen sperrten ihre Mäuler auf und lauerten zwischen den engen Büschen der Teefelder, geduldig ausharrend bis ein nackter Fuß sich in ihr Gebiet verirrte. Diese Schlangen waren böse, sie wollen vergiften und verschlingen, sie waren riesengroß und viel geduldiger als Zeit je sein würde. Und sie heilten keine Wunden sondern rissen sie auf.

Ja, es war gerade die Schroffheit der Berge, die den Horizont begrenzten, gewesen, die sie am meisten berührt hatten, während sie vom Eingeschlossen-Sein einfach abgestoßen worden war. Aber waren das nicht genau die Merkmale, die sie Zuhause - mitten in den Alpen - auch vorfand? Zuhause. Ist Heimat das, wonach man sucht und irgendwann mal findet? Also das, wohin man geht oder vielmehr das, woher man kommt? Oder ist es der Ort, wohin man wieder zurück geht? Wo man einkehrt. Endet.

Fragen über Fragen. Die Einsamkeit, das Leben. Die Kommunikation, das Schweigen, das Wandern, die stille Einkehr und der Stillstand. Das Nomadentum als die Zeitmaschine der Liebe, als der Moment der Anwesenheit: Warmherzigkeit, Tee und Kaffee, das Leben und der Tod. Das ist Indien, das ist die Zeit. Das ist das Leben.

Dagmar Travner, Lesung im Atelier Klint am 1. 1. 2012


Das Video dazu hier