Dagmar Travner

Der Rosenstrauß



Das Licht fiel punktgenau auf den kunstvollen Biedermeierstrauß, der unter dem Fenster der Dachschräge platziert war. Der tanzende Lichtkegel war mild und rötlich, der Herbst hatte begonnen. Es loderte schon ein Feuerchen im Kamin, auf dem Tisch lagen saftige rote Äpfel, frisch aus dem Garten auch kleine Zierkürbisse und Lampionblüten. In angespannter Konzentration arbeitete der Künstler an der naturgetreuen Nachbildung. Bis ins kleinste Detail wurden die winzigsten Rosenblüten aus Seidenpapier geformt und bemalt.
Endlich war der klitzekleine Strauß in all seinen Facetten vollendet. Der Künstler nahm ihn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger, ging damit zu einer schmucken halbhohen Säule, worauf ein Modell einer italienischen Villa stand; das Konstrukt machte den Eindruck eines bewohnbaren Turms. Er öffnete das Dach. Im Inneren kam ein komplett eingerichtetes Boudoir zum Vorschein. Eine Tänzerin stand da in einer anmutigen Pirouettenhaltung. Sie trug ein weich fallendes naturweißes Kleid mit hohem Schlitz, sodass das angewinkelte Bein in den goldenen Riemchensandalen sichtbar wurde. Der Künstler stellte den Rosenstrauß in eine chinesische Vase, rückte Tisch und Sessel zurecht, glättete die Kissen auf der samtroten chaise longue. Nun war alles perfekt. Er klappte das Dach wieder zu.

[...]

Aber was war denn das? Eines Tages stand da plötzlich eine Staffelei neben ihr und ein hoher Hocker, wie ihn Maler bisweilen verwenden. Auf der abgelegten Palette funkelten die Farben noch ganz frisch. Die Leinwand zeigte einen expressiven Strich in selbstsicherer Geste. Es war noch nicht klar erkennbar, aber sein Bauchgefühl sagte ihm, dass dieser Strich zu einem gewagten Akt führen würde.
Brennende Eifersucht regte sich in ihm.

[...]



Erschienen in der Anthologie sculpsit des Kunstraums Arcade im Herbst 2015
Präsentation und Lesung am 20.12.2015 ab 16:00 im
Kunstraum Arcade




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